Angewandter Minimalismus – Interview mit Patrick Baumann über einen Selbstversuch

Für mich ist es immer wieder ein Highlight wenn ich jemand treffe, den ein bestimmtes Buch genauso begeistert wie mich. Genauso ging es mir mit Patrick, der wie ich Mitglied im famosen Citizen Circle ist und mit dem ich Rande einer Konferenz in Riga ins Gespräch kam. Das Buch, welches unser beider Leben sehr bereichert hat, trägt den Titel Digital Minimalism / Digitaler Minimalismus und ist von Georgetown-Professor Cal Newport.

Wenn ich Kultusminister eines beliebigen Bundeslandes wäre, würde ich einen Eilantrag stellen, um dieses Buch in der Oberstufe durchzunehmen.* Richtig und produktiv mit Technologie und genauer gesagt mit Smartphones umzugehen, wird für alle künftigen Generationen zu einer Schlüsselkompetenz. Das Buch bietet durchdachte, praktische Philosophie und eine konkrete Methode wie man einen digitalen Detox bei sich durchführt, um mit minimalen Mitteln zu maximaler Klarheit zu kommen. Patrick hat diesen digitalen Detox gemacht und erzählt euch und mir im Gespräch von seinen positiven Erfahrungen. Viel Spaß beim Lesen – nachmachen ausdrücklich erlaubt.

Max: „Wie würdest du dich in 2-3 Sätzen auf einer Party vorstellen?“
Patrick: „Ich bin Patrick, bin 41 Jahre alt und komme aus Berlin. Ich mache alles mögliche 😉 Genauer gesagt betreibe ich eine Billardbar in Berlin, verkaufe Billardzubehör online, mache Online-Marketing für kleine und mittlere Unternehmen und schreibe gerade an meinem ersten Roman. Mehr über mich unter www.patrick-baumann.de

Patrick Baumann – ©Markus Hofstätter

Max: „Könntest du deinen täglichen (digitalen) Medienkonsum vor dem Detox-Experiment beschreiben? Welche Apps und Programme hast du sehr häufig verwendet?“
Patrick: „Mein Smartphone hatte ich laut Tracking zwischen 3 und 4 Stunden täglich in der Hand. Sehr häufig habe ich Instagram, Facebook, Feedly, Google News und Chrome benutzt und für die geschäftliche Kommunikation Slack und Gmail. Netflix hatte ich schon vor einiger Zeit gekündigt. Ansonsten sitze ich ca. acht Stunden täglich am Rechner und arbeite. Das lässt sich aber nicht wesentlich ändern und ich empfinde das auch nicht als so dringend. Meine Smartphone-Nutzung hat mich gestört.“

Max: „Wie wurdest du auf das Buch Digital Minimalism von Cal Newport aufmerksam?“
Patrick: „Das weiß ich nicht mehr. Ich wusste aber sofort, als ich davon hörte, dass das Buch für mich geschrieben wurde. Ich habe seit Jahren das Gefühl, dass ich mein Smartphone zu häufig verwende, wusste aber nicht, wie ich das ändern kann. Beziehungsweise waren frühere Versuche nicht von Dauer.“

Max: „Beschreibe bitte den Verlauf von deinem persönlichen Digital Detox“
Patrick: „Ich teile das am besten mal in 3 Phasen auf: meine Vorbereitungen, die ersten Tage und der weitere Verlauf bis zum Ende“:

Meine Vorbereitungen sahen so aus:

  • Die Admin-Rechte für alle Facebook-Pages habe ich auf einen Business-Account verschoben, damit ich diese auch weiterhin betreuen kann
  • Auf dem Smartphone (Android) habe ich die App „AppBlocker“ installiert und alles geblockt (auch Slack und Gmail) außer Telefon, SMS, Whatsapp und alle Apps, die mit Notizen und Transport zu tun haben, da ich diese Funktionen für nützlich halte und weiterhin nutzen möchte
  • Die Benachrichtigungen für Whatsapp sind deaktiviert, sodass ich jedes Mal händisch prüfen muss, ob neue Nachrichten gekommen sind
  • Kunden und Freunde wurden von mir informiert, dass ich ab sofort in dringenden Fällen nur noch per Telefon oder SMS zu erreichen bin.
  • Am PC (Chrome-Browser) habe ich Facebook und Instagram mit der Extension „Go Fucking Work“ geblockt

„Das digitale Fasten war eines der wichtigsten Dinge, die ich in den letzten Jahren gemacht habe.“

So waren die ersten Tage:

  • Ich ertappe mich dabei, dass ich eine Minute auf den Startbildschirm meines Handy starre, ohne etwas zu tun, da ich ja nichts interessantes mehr damit anstellen kann.
  • Ich hole dutzende Mal das Smartphone aus der Tasche, merke, dass es nichts damit zu tun gibt, und stecke es wieder weg.
  • Ich checke mehrmals am Tag das Wetter, da ich die Wetterapp nicht geblockt hatte.
  • Instagram und Facebook fehlen mir kein bisschen. Nach drei Tagen habe ich vergessen, dass diese Plattformen existieren

Der weitere Verlauf bis zum Ende

  • Nach ein paar Tagen gewöhne ich mich daran. Mir fällt auf, wie sehr andere Menschen an ihr Smartphone gebunden sind und wie merkwürdig es sich anfühlt, es weniger zu nutzen. Ich fühle mich frei.
  • Es ist befreiend, auf dem Smartphone keine Mails mehr zu lesen. Diese haben mich zuvor immer nur gestresst, aber bearbeitet habe ich sie eh so gut wie nie.
  • Es ist ungeheuer schön, in Minuten des Leerlaufs (beim Warten auf den Bus oder auf einen Freund, auf dem Klo) einfach nichts zu machen.
  • Ich lese noch mehr Bücher als vorher schon (mehr als ein Buch/Woche)
@Pixabay

Max: „Wie fällt dein Fazit zum digitalen Fasten aus? Welche positiven (negativen ) Erkenntnisse nimmst du mit?“
Patrick: „Das digitale Fasten war eines der wichtigsten Dinge, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Ich nutze das Smartphone zwar immer noch ca. 1-1,5 Stunden am Tag, aber ausschließlich für aus meiner Sicht nützliche Dinge -> zum Beispiel für 1:1-Kommunikation, Notizen und Transport.“

Max: „Wie hat sich dein Alltag durch dieses Experiment seither verändert?“
Patrick: „Ich habe das Setup nach 30 Tagen einfach beibehalten. Ich habe nicht mal gemerkt, wann genau die 30 Tage rum waren. Nur Instagram erlaube ich mir mittlerweile 5 Minuten am Tag (kann man auch in Appblocker einstellen), da ich selbst gerne Fotos poste. Und Facebook besuche ich am PC wieder vielleicht einmal am Tag für 5 Minuten. Das kann ich mir aber echt schenken, da passiert nichts interessantes mehr.“

Max: „Wem würdest du das digitale Fasten empfehlen?“
Patrick: „Jeder, der ein Smartphone hat und bemerkt, dass er/sie es zu häufig nutzt, sollte das Buch lesen und das Experiment selbst wagen.“

Max: „Auf Basis deiner Erfahrung: bekommt das Thema ‚Digitale Reizüberflutung‘ durch Smartphones und Co. genug Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit?“ 
Patrick: „Ich denke, es bekommt immer mehr Aufmerksamkeit. Ich war aber selbst überrascht, wie sehr sich meine Lebensqualität durch das Detox verbessert hat. Insofern: Nein, das Thema bekommt nicht genug Aufmerksamkeit, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen mehr oder weniger Nutzung auf unsere Lebensqualität hat. Ich denke aber, dass es ein Riesenthema ist, besonders für Leute, die generell achtsam gegenüber sich selbst sind und gerne daran arbeiten, sich zu entwickeln.“
Max: „Patrick, vielen Dank für das Gespräch.“

*Gerne im Tausch mit einem Buch aus meiner persönlichen Deutsch-Pflichtlektürengruselkiste:
A) Woyzeck von Büchner
B) Iphigenie auf Tauris von Goethe
C) Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth
Frage am Rande: Was ist in deiner Pflichtlektürengruselkiste und sollte ausgetauscht werden?

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