Aus der Serie ‚Kurze Hose, Lange Hose‘ – Folge 3: Wie Profisportler von Seneca und anderen Stoikern profitieren

„Die Lebenskunst ist der des Ringers ähnlicher als der des Tänzers, denn es gilt, bei unvorhergesehenen Schlägen des Schicksals kampfbereit und unerschütterlich fest dazustehen.“

Marcus Aurelius (Kaiser und Stoiker)

Bis vor einigen Jahren waren Profisport und ernsthafte Philosophie zumindest in meinem Kopf ungefähr so weit voneinander entfernt wie Karl-Heinz Rummenigge von Demut. Weisheiten gab es im Sport immer schon zuhauf, aber mitunter war doch eher unfreiwillige Komik das bestimmende Element:

  • „Der Grund war nicht die Ursache sondern der Auslöser“ Franz Beckenbauer
  • „Wir spielen am besten wenn der Gegner nicht da ist“ Otto Rehhagel
  • „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß!“ Andreas Brehme

Dabei ist es auf den zweiten Blick gar nicht mehr so verwegen, dass Philosophie oder konkreter stoisches Gedankengut im Profisport heutzutage eine immer größere Rolle spielt. Schließlich haben die Stoiker schon immer Parallelen zwischen Athleten und Philosophen gezogen. Ähnlich einem perfekt-funktionierendem Körper ist ein gesunder Geist beweglich, funktional, belastbar, stark und ausdauernd.

„Stoicism as a philosophy is really about the mental game. It’s not a set of ethics or principles. It’s a collection of spiritual exercises designed to help people through the difficulty of life. To focus on managing emotion; specifically, non-helpful emotion.”

Ryan Holiday (Autor)

Der gesunde Geist – im Profi- und Leistungssport u.a. mentale Stärke genannt – entscheidet so immer öfter über die Verteilung von Millionen von Preisgeldeuros (und mittelfristig auch Sponsoringeuros), gerade weil körperliche Unterschiede einfach(er) wegtrainiert werden können. Stoizismus bedient dich hier als Passgeber mit konkreten Prinzipien, Übungen und Denkweisen, die den Sportlern helfen in extremem Drucksituationen mit ihren Emotionen umzugehen.

Was heißt das jetzt konkret? Wie kann man das als Sportler – egal ob Profi oder Amateur – umsetzen? Nachfolgend einige Beispiele und Denkanstöße, inspiriert von den Stoikern:

Das Hindernis ist der Weg

Confragosa in fastigium dignitatis via est. Frei übersetzt: es ist ein steiniger Weg auf dem Weg zur Spitze. Jeder will erfolgreich sein, aber ganz nach oben geht es nur wenn du mehr in den Ring wirfst wie die meisten deiner Konkurrenten. Wenn du zu den besten 5 Prozent deines Sports gehören willst, kannst du dich nicht an dem orientieren was die restlichen 95 Prozent Tag für Tag machen. Wenn dein persönliches Warum stark genug ist, sind die Hindernisse auf dem Weg zu deinem Ziel tatsächlich die Bestätigung dass du auf dem richtigen Weg bist. Wenn es leicht wäre, könnte es jeder. Durch die Überwindung von Widrigkeiten und das Meistern von Herausforderungen wirst du immer stärker. Leichte Siege tragen wenig bis nichts zu deiner Entwicklung bei. Such dir Gegner die dich herausfordern und an oder über deine Grenzen bringen.

Pixabay

Dein ideales Selbst visualisieren

Marcus Aurelius hat seine Meditationen auch als Anleitung dazu geschrieben, wie er sich in bestimmten Situationen im Alltag verhalten möchte – eben nicht reaktiv sondern ganz bewusst gemäß seiner idealen Wertvorstellungen. Ein tägliches Ritual welches uns vor Augen führt, wie die beste Version von uns selbst aussehen würde, kann im Sport oder im Leben unglaublich helfen. Ein Athlet kann so bereits im Vorfeld verschiedene Situationen durchspielen um später in der Arena eine bessere Antwort auf eine Drucksituation zu finden.

Kleine Schritte

So wie es mittlerweile im Profisport eine Selbstverständlichkeit ist, nach dem Wettkampf zusammen die Fehler zu analysieren, sollte diese Reflexion auch auf einer individuellen Ebene stattfinden – am besten täglich. Seneca fragt „Welche schlechte Angewohnheit hast du heute behoben?“ oder „Was hast du heute besser gemacht“?. Es ist atemberaubend, welche Fortschritte sich mittelfristig einstellen, wenn man sich auf kleine Aktionen konzentriert. Sich vorzunehmen den nächsten Schritt perfekt zu machen und abends schonungslos ehrlich in der Analyse zu sein. Das bringt dich deinem Ziel näher.

Mit Niederlagen umgehen

Niemand ist unbezwingbar? Aus stoischer Sicht kann man zwar nicht jede Niederlage verhindern, aber gemäß der eigenen Standards wie Training, Disziplin und Verhalten im Wettkampf unbesiegbar werden. Über den eigenen Maßstab zu urteilen liegt nie in fremden Händen. Konzentriere dich auf das was sich innerhalb deiner Kontrolle liegt, alles andere macht auf Dauer unglücklich und frustriert dich unnötig. Nach einer Niederlage habe ich es selbst in der Hand ob ich daraus lerne statt die Verantwortung an Externe – „der Schiri war so blind“ oder dubiose höhere Mächte „Es sollte heute einfach nicht sein“ abzugeben.

Meine Buchempfehlung zu diesem Artikel:

On the Warriors Path – Philosophy, Fighting and Martial Arts
Not Caring what other people think is a superpower

In dieser Reihe bisher erschienen sind:

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