Aus der Serie ‚Kurze Hose, Lange Hose‘ – Folge 2: Entspannte Konzentration mit Egon und dem Dude

An einem sommerlichen Sonntag um circa 11 Uhr auf einem der über 40.000 Sandplätze in Deutschland:
Punktspiel der Herren 30. Gutes Niveau, Ehrgeiz, Schweiß, hohe Erwartungen, 4 Zuschauer – 3 davon Angehörige der beiden Spieler. Spielstand 4:4 im ersten Satz, 30:30. Rafael schlägt auf und setzt einen vermeintlich leichten Vorhandball ins Netz obwohl sein Gegner Carlos auf seiner Seite ausgerutscht und das Feld frei war.
Rafael (laut): „Du bist einfach so eine Null. Der Ball spielt meine Oma rein, wenn ich sie um 3 Uhr nachts wecke. Mann Mann Mann!!!“ …. Carlos muss beim anschließenden Breakball rein gar nichts machen denn Rafael fabriziert einen Doppelfehler. Rafael (laut): „Sooooo schlecht. Du bist einfach sooooo schlecht. 10 Prozent wenn es drauf ankommt, großartig. Schenk es ihm doch gleich. Du bist so ein Depp“

Jeder Mensch – egal ob Tennisspieler oder nicht – kennt innere Dialoge. Das Hadern, die Unzufriedenheit, die Diskrepanz zwischen dem eigenem Anspruch und der Ausführung, aber auch positives Denken und sich selber Mut zusprechen. Zwar findet „das Gespräch“ außerhalb des Sportumfeld meist stumm statt (sonst kämen die Jungs im weißen Kittel zu gar nichts mehr), aber es ist deswegen nicht weniger einflussreich auf unsere Ergebnisse als die laute Variante in kurzer Hose.

Erlebt man sehr erfolgreiche Menschen in Bestform, auf dem Gipfel – Peak Performance – ihres Könnens, gehen sie häufig völlig in ihrer Tätigkeit auf – maximal konzentriert, präsent und ruhig. Sie sind im Flow, wie der Glücksforscher und Psychologie-Professor Mihály Csikszentmihályi diesen erstrebenswerten Zustand genannt hat.

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Was nun der Flow-Zustand mit dem inneren Dialog und unserem Beispiel von oben zu tun hat, erfährt man im fantastischen Buch ‚The inner Game of Tennis‚ (dt. Das Innere Spiel) von Sportpädagoge und Bestseller-Autor Timothy Gallwey (1972 erschienen). Lass dich nicht von dem sehr spezifischen Titel verwirren: die Empfehlungen und Handlungsanweisungen lassen sich weit über den Tennisplatz hinaus anwenden – in kurzer und langer Hose. Seit Mitte der 70er Jahre haben viele Autoren, Wissenschaftler und Coachs Gallwey’s Grundideen adaptiert und weiter verfeinert. Wie aktuell das Original aber noch ist, beweist u.a. Steve Kerr, der das Basketball-Team der Golden State Warriors in den letzten Jahren zu drei Titeln in der NBA geführt hat. Für ihn ist ‚The inner Game‘ ein so elementares und wichtiges Buch, dass er stets mehrere Ausgaben zu Hause hat, um sie jederzeit in seinem Umfeld verteilen zu können. Kerr ist in guter Gesellschaft: auch andere Sportstarts wie Tom Brady oder Billie Jean King führen ihren Erfolg bzw. das Verhalten in Drucksituationen auf das Buch zurück

„It is the thesis of this book that neither mastery nor satisfaction can be found in the playing of any game without giving some attention to the relatively neglected skills of the inner game. This is the game that takes place in the mind of the player, and it is played against such obstacles as lapses in concentration, nervousness, self-doubt and self-condemnation. In short, it is played to overcome all habits of mind which inhibit excellence in performance.“

Timothy Gallwey

Wie kommt man also dazu, sich selbst nicht mehr im Weg zu stehen und Spitzenleistungen zu zeigen, wenn es darauf ankommt?

Laut Gallwey geht es um das besseres Zusammenspiel von SELF I (im Folgenden ‚Egon‘ genannt) = der Stimme in deinem Kopf – und SELF II (im Folgenden ‚The Dude‚ genant) = deiner tieferen Ebene, den unterbewussten Abläufen. Egon ist ein ziemlich nervöser, sorgenvoller und oberflächlicher Geselle und permanent damit beschäftigt, deine Aktionen zu bewerten (positiv wie negativ) und in die Vergangenheit oder Zukunft zu schauen. Zudem ist er leicht ablenkbar und misstraut seinem eigenem Urteil. The Dude dagegen ist entspannt, selbstsicher und bevorzugt zu handeln statt zu reden. Er ist mit seiner Welt im Reinen und lebt im Hier und Jetzt.

Stopp mit der Bewerteritis

Wir alle haben natürlich beide ‚Charaktere‘ in uns, aber ihr Einfluß auf den Erfolg ist sehr unterschiedlich. So hält uns Egon mit seiner ständigen Bewerteritis („Du bist einfach so eine Null“ …. einfach sooooo schlecht„) ganz schön auf Trab, aber er ist ein Zwerg gegenüber dem Dude, der in der Lage ist, gleichzeitig sehr viele Bälle in der Luft zu halten. Während du diese Zeilen liest, kümmert er sich gleichzeitig um Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Herzschlag und alle weiteren Prozesse im Körper. Der Andere steht dagegen meistens nur nölend in der Ecke.

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Das Geheimnis des Erfolgs liegt darin, Egon beschäftigt zu halten und dem Dude voll und ganz zu vertrauen. Das gelingt weder über Nacht noch gelingt es immer. Dennoch kann man laut Gallwey seinem Glück und Erfolg auf die Sprünge helfen und in konkreten Schritten daran arbeiten. Ganz buddhistisch formuliert ist hierbei der Weg das Ziel. Die vier zentralen Stufen sind:

  1. Nicht bewerten
  2. Visualisieren
  3. Vertrauen
  4. Sich konzentrieren

Nicht bewerten
Zunächst ist es wichtig, aus der Bewertungsspirale herauszukommen. Bezogen auf Tennis ist ein Schlag, der ins Netz geht, weder gut noch schlecht. Hier muss man gewissermaßen versuchen, sich gezielt zurück zu entwickeln und Resultate nur wahrzunehmen. Ein Kind, das Laufen lernt, käme ja auch nie auf die Idee, dass das Hinfallen schlecht ist. Es ist einfach wie es ist und hindert das Kind nicht daran, es zwei Minuten später gleich nochmals zu versuchen.

Visualisieren
The Dude kann mit Bildern wesentlich mehr anfangen als mit Worten. Ging die letzte Rückhand ins Netz, visualisierst du eine perfekte Rückhand die unerreichbar auf der anderen Seite einschlägt – ob diese in deinem Kopf von Roger Federer oder von dir kommt, ist weniger wichtig. Wichtiger ist, dass du so genau wie möglich bist: hat dein imaginärer Ball Spin, wo kommt er genau auf, wie weit vor dem Körper triffst du ihn?

Vertrauen
Vertrauen dem Dude – es gibt wesentlich uncoolere Mantras. Vertraue darauf, dass du das Gelernte umsetzen wirst. Dein Körper weiß wie es geht, du musst ihn „nur“ machen lassen. Das lernt man nicht von heute auf morgen, also verhalte dich auf dem Weg wie ein Schauspieler und tue so als würdest du es schon perfekt können. Bekämpfe nicht deine schlechten Angewohnheiten sondern kreiere neue und bessere. Deine Bühne ist der Platz auf dem du spielst oder der Meeting-Raum in dem du gleich präsentierst.

Konzentration
Egon ist wie Trump. Obwohl er bei Amtsantritt nicht für die niedrigere Arbeitslosigkeit verantwortlich war, will er trotzdem das Lob dafür. Egon’s Ego könnte es nicht vertragen zu hören, dass er gar nicht so wichtig war für das tolle Resultat. Wir lösen das, indem wir ihm eine vermeintlich sehr wichtige Aufgabe übertragen und ihn bitten, sich voll und ganz darauf zu konzentrieren. Im Tennis könnten wir ihn z.B. immer ‚Bounce‘ und ‚Hit‘ sagen lassen wenn der Ball auf dem Boden aufkommt und getroffen wird – sowohl auf der eigenen Seite als auch drüben beim Gegner. Anfangs ist sich Egon für eine solche Aufmerksamkeitsübung noch zu fein und er möchte unbedingt wieder Jury sein. Mit zunehmender Übung wird es aber besser und irgendwann ist man so tief konzentriert, dass einen nichts mehr ablenkt.

Diese vier Schritte kannst du in sehr vielen Lebenssituationen gebrauchen, egal ob in kurzer oder in langer Hose. Entspannte Konzentration, Glück und Erfolg durch das richtige Zusammenspiel von Egon und The Dude.

P.S.: Knocke Egon für 20 Minuten aus, indem du ihn höflich bittest, dir den Namen Mihály Csikszentmihályi rückwärts aufzusagen

Hat dir der Artikel gefallen? Was sagt dein Egon? Was kann das Äquivalent zu Bounce-Hit bei einer Präsentation oder einem wichtigen Meeting sein? Lass es mich wissen und schreibe einen Kommentar.

Das Buch dazu (geht weit über Tennis hinaus)

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