Die Wissenswelle zu Gast bei Freunden – Teil 1

Der nachfolgende Beitrag ist ein Gastartikel von Wolfgang, einem meiner besten Freunde. Ab jetzt werde ich auf der Wissenswelle regelmäßig andere Menschen aus meinem Bekannten- und Freundeskreis zu Wort kommen lassen, die etwas zu sagen haben. Den Auftakt macht Wolfgang, der darüber schreibt wie seine Psyche vor einigen Jahren so aus dem Gleichgewicht kam, dass er einige Zeit nicht mehr ein noch aus wusste.

Bei der Wissenswelle geht es um persönliche Entwicklung. Sich zu entwickeln ist spannend und befriedigend, aber genießen kann man es aber erst, wenn die psychische und physische Basis stimmt. Bei diesem Artikel geht es um das seelische Gleichgewicht und darum, wie wichtig es ist, sich rechtzeitig zu öffnen, Hilfe zu suchen und Verletzlichkeit zuzulassen. Ich denke, der Artikel ist besonders hilfreich, wenn du selbst oder jemand aus deinem Bekannten- und Freundeskreis in eine ähnliche Lage gerät.

Na, wie geht’s?
Ein Gastbeitrag von Wolfgang Sauter

…. ist eine Frage, die oftmals am Anfang eines Gesprächs steht. Das Problem an der Frage ist, dass Sie – zumindest bei mir – zu einer Floskel verkümmert ist. Im Grunde interessiert es mich nicht sonderlich, wie es meinem Gegenüber geht. Dieser Umstand allein wäre schon ein schönes Thema für einen Essay mit Überschrift „Misanthropie vs. Altruismus – oder Warum man erst an sich denkt und dann (vielleicht) an die anderen“. Das soll aber heute nicht das Thema sein. 

So oder so folgt auf eine unaufrichtige Frage erfahrungsgemäß meist eine ebenso belanglose Antwort à la: „Danke, gut“. Wie ein Automatismus ist man darauf programmiert, der Außenwelt stets zu versichern, dass es einem hervorragend geht. Wer möchte auch schon hören, dass es einem nicht blendend geht? In einer Welt, in der man über die sozialen Medien ständig präsentiert bekommt, wer gerade wo um die Welt jettet oder Heli-Skiing auf dem Matterhorn macht.

Es ist im Grunde paradox: der soziale FeelGood-Druck wächst beständig und den meisten Menschen geht es nachweislich – wirtschaftlich – immer besser. Dennoch explodiert die Zahl der diagnostizierten Fälle von Burnouts, Depressionen, Panik und Angstattacken in den so genannten westlichen Ländern. 

Pixabay

Also nochmals die Frage: Wer möchte hören, dass es einem nicht blendend geht? Die meisten, würde ich behaupten. Ich möchte damit weder sagen, dass man jedem Passanten sein Leid klagen sollte. Auch trifft es nicht zu, dass man gleich an einer Depression leidet, wenn man auf diese Allerweltsfrage nicht jeden Tag mit „Mein Leben wird von Tag zu Tag besser“ antwortet. Trotzdem sollte man kurz in sich gehen, wenn das eigene Herz mit jedem „ Danke, gut“ , dass man auf diese Frage antwortet, immer schwerer zu werden scheint, schlichtweg weil die Antwort vielleicht einfach nicht der Wahrheit entspricht.

Ich möchte eine Lanze für all jene Leute brechen, die sich beschissen fühlen, die Angst haben, die denken, nicht zu genügen und die von Ihrer Unsicherheit leergesaugt werden. 

Die Wahrheit ist doch, dass jeder ständig mit Selbstzweifeln und Ängsten zu kämpfen hat. Sich das einzugestehen, fällt aber viel leichter, wenn der Gegenüber signalisiert, dass es ihm oder ihr im Grunde genauso geht. Und genau deshalb wäre es sinnvoll, den Leuten nicht ständig vorzugaukeln, dass alles immer super ist. Viele Leute verwenden unglaublich viel Zeit und Kraft darauf, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Sie wollen um der Außenwelt beweisen, dass alles immer in Ordnung ist, obwohl unter Umständen einiges bis gar nichts in Ordnung ist. 

Noch immer scheint Schwäche etwas zu sein, das man besser in seinen eigenen vier Wänden lässt. Oder noch schlimmer: Gleich ganz mit sich selbst ausmacht. Dabei scheint mir Verletzbarkeit und Schwäche DIE GEHEIME ZUTAT für tiefe Freundschaft und Verbundenheit zu sein. Echte Freunde braucht man eben genau dann am dringendsten, wenn es einem bescheiden geht. 

Ich selbst habe Anno 2012 viel zu spät erkannt, dass es mir nicht gut ging. Ich konnte und wollte einfach nicht wahrhaben, dass mir so etwas wie eine Depression passieren kann. Umso beängstigender ist es, wenn man dann auch noch von Panikattacken dazukommen. Ich hatte mich immer als stark und widerstandsfähig wahrgenommen. Mit einigen Jahren Abstand kann ich sagen: wenn überhaupt, war ich damals belastbar. Eine Last unter der ich schlussendlich zusammengebrochen bin. Zunächst habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, dagegen angekämpft, wurde aber immer verkrampfter und hilfloser. Einige Wochen, vielleicht Monate habe ich mein Leben nur noch ertragen, ohne es wirklich zu begreifen. Der innere Monolog mit dem ich mich davon zu überzeugen versuchte, dass alles in Ordnung sei, war dabei durchaus zweckmäßig und eigentlich einleuchtend: „Ich habe kein Recht, mich zu beklagen, anderen geht es sehr viel schlechter. Eigentlich müsste es mir hervorragend gehen.“ Rückwirkend gesehen, wollte ich mein subjektives Gefühl objektiv widerlegen. Mir fehlte schlichtweg eine kognitive Rechtfertigung für meinen desolaten emotionalen Zustand. Das Problem ist, Logik ist nicht die Lösung. Es gibt keine Formel, die anwendbar wäre. Der Verstand wird immer den Kürzeren ziehen. Mein Selbstverständnis stürzte wie ein Kartenhaus zusammen. Schwäche und Verletzlichkeit zeigen: das war auf meinem Curriculum Vitae nicht vorgesehen. 

Viele Leute haben versucht, eine Angststörung oder eine Depression in Worte zu fassen, mal mehr mal weniger treffend. De Ausprägung ist allerdings sehr individuell, was den Umgang damit umso schwieriger macht. Ich zum Beispiel hatte über Jahre immer wieder Hautausschläge mit Juckreiz am ganzen Körper. Dermatologen hatten keine wirkliche Erklärung und mehr als mir eine Kortisonsalbe zu verschreiben, ist leider niemandem eingefallen. Allerdings hat mich mein letzter Hautarzt tatsächlich gefragt, ob ich viel Stress hätte, was ich damals souverän verneinte. Stress hatten nach meiner damaligen Auffassung nur Leute, die 50-60 Stunden die Woche arbeiten. Davon war ich weit weg. 

Diese Rechnung war naiv, schien mir damals aber plausibel: Zuviel Arbeit = Zuviel Stress = Burnout. Diese Rechnung ist aber schlichtweg falsch. Stress hat viele verschiedene Gesichter: Job, Beziehung, Familie, Kinder, Zweifel, Geldsorgen… Entscheidend ist das individuelle Ausmaß der Belastung. Eine Kündigung ist für den Einen das „Ende der Welt“, für den Nächsten ist es eine willkommene Chance, sich neu auszurichten und etwas neues zu lernen. 

All das war mir damals noch nicht bewusst. Jedenfalls ging zwei Monate später gar nichts mehr: Mit jeder Kleinigkeit war ich überfordert und auf der für mich wichtigsten Branchenmesse in Köln machte es schließlich „Boing“. Angst und Panik hatten mich nun fest in der Hand. Ich war zu nichts mehr fähig, reiste frühzeitig ab und fand mich kurze Zeit später in psychiatrischer Behandlung wieder. 

Der Grund, weshalb ich diesen Text schreibe, ist einfach. Ich möchte dazu ermutigen, sich rechtzeitig einzugestehen, wenn das Leben etwas aus den Fugen gerät und zum frühzeitigen Handeln aufrufen. Ich selbst habe damals zu spät gehandelt und ich glaube, dass es viele genauso machen. Körperlichen Symptome (Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, Unruhe, etc.) werden als temporäre Wehwehchen abgetan, obwohl sie – besonders bei kumulierten Auftreten – auf eine psychische Disbalance hindeuten.

Jedes Symptome wird einzeln von Fachärzten und Patienten bekämpft und und therapiert statt ganzheitlich zu analysieren. Das mein Hautarzt auf der richtigen Spur war, ist wohl die absolute Ausnahme. Aufgrund meiner katastrophalen Selbsteinschätzung konnte ich seinerzeit diese Vorlage leider nicht besser nutzen. 

Die Leidensfähigkeit des Einzelnen scheint sehr ausgeprägt zu sein. Man wächst mit seinen Aufgaben, man schrumpft aber auch unter dem Leidensdruck, der immer mehr zunimmt, wenn der teuflische Kreislauf erstmal begonnen hat. Hinterlistig schleicht sich die Depression meist über Monate und Jahre in das eigene Leben, dem Übergewicht nicht unähnlich. Bei beiden ist das Problem, dass man sich schon daran gewöhnt hat, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Dieser schleichende Prozess ist gerade deshalb so tückisch, weil man versucht ist, zu glauben, das Leben fühlt sich nunmal so schrecklich an. Es ist die neue Normalität auch weil man sich schlichtweg nicht mehr erinnert wie es eigentlich davor war.

Aus meiner Erfahrung tut man gut daran eine Verhaltens- oder Denkweise näher zu beleuchten, wenn sie beginnt, den Alltag zu sehr zu bestimmen.

Abgesehen von Traumata sind sich psychische Krankheiten hinsichtlich des Verlaufs meist sehr ähnlich. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob es um Zwang, Sucht, Bulimie, Depression oder Angststörung geht. Alle fangen harmlos an, noch hat alles im Griff. Irgendwann dreht sich dann das Blatt und die Krankheit beeinflusst den Alltag so sehr, dass man Leben nicht mehr lebt, sondern eher das Leben einen lebt. 

Eine Depression ist im Grunde die Sucht nach negativen Gedanken und nach Pessimismus. Entscheidend ist wie bei allem die Dosis. Neben der falschen Selbsteinschätzung, gibt es noch einen sehr gewichtigen Grund, weshalb Betroffene sich nicht oder viel zu spät helfen lassen: Der Gang zum Psychiater oder zum Psychologen. Das „Du-hast-es-alleine-nicht-geschafft“ – Stigma haftet an dem Besuch an wie ein alter Kaugummi unter einem Sechstklässler Stuhl. Das Psychiater gerne auch abschätzig Seelenklempners oder Psycho-Doc genannt werden, ist sicher auch nicht gerade hilfreich, um die Akzeptanz in der Gesellschaft zu erhöhen. Meist bleibt der Besuch ein gut behütetes Geheimnis von dem nie jemand etwas erfährt. 

Ich plädiere dazu hier umzudenken und sich an Argentinien ein Beispiel zu nehmen: 2008 kamen dort 795 Psychologen auf 100.000 Einwohner. In Berlin kamen auf die gleiche Einwohnerzahl gerade 25. Einen guten Psychologen zu haben, scheint dort viel mehr akzeptiert zu sein als bei uns.

Im Grunde ist ein Psychiater nichts anderes, als ein hervorragend ausgebildeter Drogendealer. Psychopharmaka regulieren vereinfacht gesagt den Serotonin-Haushalt im Organismus. Klassische Drogen aktiveren direkt das Belohnungssystem. Das ist insofern problematisch als das die hohe Dosis den Kick gibt, den das Gehirn immer wieder haben möchte. Zudem besteht beim Herumexperimentieren mit Drogen immer die Gefahr, dass man sich mit der Dosierung vertut, süchtig oder zunehmend paranoid wird. Schlimmstenfalls verabreicht man sich irgendeinen Mist, weil das Berufsfeld des „Dealers“ eben leider keinerlei Qualifikation erfordert. Dann doch lieber mit einem Sachverständigen arbeiten, der seine Ware aus „kontrolliertem Anbau“ bezieht und einen Doktortitel im Fach „feinfühlige Gehirnmanipulation“ hat. Ein Psychopharmaka verspricht Glück in homöopathischen Dosen über einen langen Zeitraum.

Wer sich über mein Halbwissen hinaus zu dem Thema wie Drogen im Gegensatz zu psychopharmakologischen Präparaten wirken, schlau machen möchte, dem lege diesen Beitrag ans Herz. Dr. Dreher führt einen eigenen Blog rund um das Thema Psychiatrie arbeitet und „nebenbei“ als Chefarzt an der Klinik Königshof in Krefeld.

Trotzdem ist – zumindest meiner Meinung nach – in vielen Fällen die Medikation nicht des Rätsels Lösung, sondern nur ein probates Mittel sich die die Zeit zu verschaffen, sich umfassend mit sich selbst zu beschäftigen. Stress macht krank. Was aber Stress verursacht, ist, wie schon erwähnt – eine sehr individuelle Erfahrung und enorm subjektiv. Die fehlende Wertschätzung im falschen Job, das Gefühl, es jedem recht machen zu müssen, die Ohnmacht, die einen befällt, wenn man den Eindruck hat, keinen Einfluss mehr auf sein Leben zu haben, Probleme mit dem Partner, Ereignisse oder Erfahrungen aus der eigenen Vergangenheit, und und und.

Konstanter persönlicher Stress frisst die Serotonin-Rücklagen auf bis es irgendwann nicht mehr geht. Die Medikamente helfen, die Symptome in den Griff zu bekommen, aber es gilt vor allen Dingen darum, den Grund für die Symptome aufzuspüren. Am Ende hilft das Gespräch mit einem Therapeuten. Er oder sie macht nichts anderes als einem auf die Sprünge zu helfen und dafür zu sorgen, dass man sich selbst die richtigen Fragen stellt und diese dann auch wahrheitsgemäß beantwortet. Letzteres ist entscheidend, da der Homo Sapiens Sapiens in diesem Punkt nicht allzu weise ist. Er lügt sich lieber in die eigene Tasche lügt, als sich einzugestehen, dass etwas nicht richtig läuft. 

Wenn ich heutzutage wissen möchte, wie es meinem Mitmenschen in Wahrheit geht, frage ich mittlerweile nicht mehr „ Wie geht’s?“, sondern „Wie fühlst Du Dich?“ Meist ist die Antwort auf diese Frage sehr viel aufschlussreicher. 

Abschließend noch einige Buchtipps, die mich und mein Denken nachhaltig geprägt haben, mir den ein oder anderen „Aha“-Effekt verschafft haben und mir nicht zuletzt durch diese schwierige Zeit geholfen haben:

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