ICH und ICH sind unzertrennlich – Über die Chancen mit sich selbst befreundet zu sein

„The costs of your good habits are in the present. The costs of your bad habits are in the future.“

James Clear

In der Wohnung eines sehr guten und leider viel zu früh verstorbenen Freundes stand an einer Wand der Satz: „Ich und Ich sind unzertrennlich.„* Damals habe ich zwar auch hin und wieder über diese seltsame Formulierung nachgedacht, war aber meiste Zeit damit beschäftigt mit meinem Freunden A) zu qualmen B) zu trinken und C) große Reden darüber zu schwingen, mit welchen hübschen Mädchen später im Club noch was geht. A) und B) wurden immer Realität. Nach dem Clubbesuch saßen wir dann hin und wieder in der gleichen Wohnung – manchmal, meistens, immer ohne hübsche Mädchen im Arm. Und so schliefen wir dann angedudelt mit unseren eigenen Ichs ein. Danke für Nichts, Ich.

Irgendwann gab es die Wohnung nicht mehr, die Freunde waren alle in der Weltgeschichte verstreut und so geriet auch der seltsame Satz bei mir in Vergessenheit. End of Story. Nein, weit gefehlt.

Denn mittlerweile – viele Monde später – spielt der Ausspruch in meinem Leben eine ganz entscheidende Rolle. Denn er fasst auf geniale Art und Weise wertvolle Lektionen zusammen, die ich unter anderem aus den Büchern Atomic Habits von James Clear, Bigger, Leaner, Stronger von Michael Matthews und aus vielen Podcast-Folgen rund um die Gedankenwolke ‚Werde die beste Version von dir selbst‘ internalisiert habe. Es ist die simple Maxime dass das eigene Handeln früher oder später Konsequenzen hat.

Was ich genau damit meine wird ersichtlich, wenn die beiden ICHS im Satz etwas genauer definiert werden. So wird aus: „Ich und ich sind unzertrennlich“ jetzt die neue Version „Gegenwarts-ICH und Zukunfts-ICH sind unzertrennlich“. Alles, was das Gegenwarts-ICH macht (oder nicht macht) beeinflusst das Schicksal des Zukunfts-ICH. Unschwurbelig formuliert: Ich habe mit meinen Handlungen und Entscheidungen Einfluß darauf, ob mich der Max im Jahr 20XY im Rückblick eher als guten, vorausschauenden Freund oder eher als egoistisches Arschloch sieht. Die thematischen Anwendungsgebiete der Überlegung sind vielfältig, drei positive Szenarien:

  1. Kohle: Gegenwarts-ICH spart ab Januar 2020 jeden Monat 100 € weg und füttert damit einen konservativen ETF (Exchange Traded Fund). Der Betrag ist so gering dass es ihm nicht weh tut, ihn zur Seite zu legen. Im Jahr 2060 checkt Zukunfts-ICH den Kontostand, lacht in sein knochiges Fäustchen und freut sich je nach konservatives oder euphorischer Zinsannahme über einen Betrag zwischen 100.000 und 250.000 €.
  2. Körper: Gegenwarts-ICH macht zweimal die Woche eine 30-minütiges Ganzkörperworkout mit dem eigenen Körpergewicht, macht einmal wöchentlich mit seinen Freuden eine Spielsportart und achtet insgesamt darauf sich jeden Tag mindestens 10.000 Schritte zu bewegen. Er ernährt sich zu 90 Prozent gesund und lässt bei 10 Prozent die Korken knallen. Zukunfts-ICH denkt dankbar an seinem guten Freund als er gerade nach einem intensiven und spaßigen Padel-Match mit spektakulären Ballwechseln Sport- gegen Badehose tauscht und anerkennende Blicke von Mädels bekommt, die erst nach der Pleite von Facebook 2037 geboren wurden.
  3. Können: Gegenwarts-ICH entdeckt seine Leidenschaft für das Schreiben und es vergeht kein Tag, an dem er nicht mindestens einen Satz schreibt, keine Woche in dem er nicht mindestens einen Artikel fertigstellt und kein Jahr in dem er nicht an irgendeinem Buch arbeitet. Er übt, wird besser und bekommt mehr und mehr positives Feedback. Aus dem Hobby ist über die Jahre eine Leidenschaft geworden. Zukunfts-ICH führt das Schreiben konsequent fort und schreibt nach vielen Sachbüchern und tausenden Artikeln gerade an seinem zweiten Roman. Der erste Roman war so beliebt dass sogar eine Liebhaberausgabe auf Papier erschien.

Natürlich funktionieren die drei Szenarien auch in eine ganz andere Richtung, in der Zukunfts-ICH ein griesgrämiger alter Sack ist, der wahlweise die Schuld für sein eigenes trübes Dasein inmitten von digitalen Nomaden mit Sixpack bei anderen Mitmenschen, den Großkonzernen Google oder Amazon und nicht zuletzt bei sich selbst sucht.

Wo sehen SIE sich sehe ich MICH in 10, 20 oder 30 Jahren?

Pixabay

Dein Gegenwarts-ICH muss ja in Bezug auf Gesundheit, Finanzen und Zeitnutzung nicht gleich zum ultimativen Gutmensch werden: Das Leben ist meist nicht schwarz oder weiß. Man muss nicht sofort dem Korinthenkacker-Club beitreten und sich jeden rauschhaften Abend mit Freunden oder jede unproduktive Zeit vor der Glotze versagen, nur um dem Zukunfts-ICH das Leben besser zu machen. Ich selbst habe aber in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht – vielleicht beginnende Altersweisheit? – dass mehr (… Drinks, Faulheit, ungesundes Essen, Konsum) den Glückspegel nur marginal steigern – wenn überhaupt.

Es ist schon viel gewonnen, wenn man ein Bewusstsein dafür bekommt, dass in 10, 20 oder X Jahren jemand auf dich wartet, der auf die Qualität deiner heutigen und morgigen Entscheidungen angewiesen ist. Dieser jemand bist DU.

Abschließend vier konkrete Vorschläge was du heute tun kannst, um deinem Zukunfts-ICH ein besseres Leben zu bescheren:

  • Denke heute über morgen nach und mache einen Plan. Wie soll dein perfektes Leben in der Zukunft ausschauen? Wo und wie willst du leben? Rechne dir doch einfach mal aus, was das später pro Monat kosten soll und schon stocherst du nicht mehr ganz im Nebel. Du arbeitest nicht mehr so für dich hin sondern hast ein konkretes Ziel.
  • Fang an zu sparen und automatisiere mit einem Sparplan. Schon nach kurzer Zeit hast du vergessen dass du X € weniger im Monat zum ausgeben hast. Wenn du schon sparst, lege noch eine Schippe drauf und spare mehr.
  • Trainiere deinen Körper ab sofort regelmäßig: du brauchst kein Gym, du brauchst kein Geld. Starte mit dem besten Trainingsgerät der Welt, deinem Körper.
  • Trainiere deinen Geist: mein Fokus war jahrelang auf äußerlichen Optimierungen. Hier bisschen Körperfett weg, da bisschen Muckis hin. Als Grundlage dient der Satz: ‚Mens sana in corpore sano‘ = ‚In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist‘. Das stimmt, aber wenn in deinem gesunden Körper mehr Aminosäuren als Gehirnzellen sind, ist auch doof. Auch dein Geist wird durch tägliches Training besser. Empfehlen kann ich dir z.B. die Meditations-App von Sam Harris.

*Aus welcher Feder der Satz stammt, bleibt ein Rätsel, an welchem sich sogar Google die digitalen Zähen ausbeißt.

Die angesprochenen Bücher:

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