Komfortzone verlassen … lassen

„When you think you are done you’re only at 40 percent of what your body is capable of doing. That is just the limit we put on ourselves.“

SEAL

„I don’t believe in résumés in the traditional sense, I believe in life résumés. Do more. Create memories.“

Jesse Itzler

Gefühlt spricht gerade mein halber Freundeskreis und mindestens ein Viertel des Internets davon, wie wichtig es ist, die Komfortzone zu verlassen. Ein Kurzbesuch bei Dr. Google zeigt die Dringlichkeit:

  • Endlich raus aus der Komfortzone
  • Tue jeden Tag etwas was dir Angst macht
  • Mehr Mut für Angsthasen
  • 10 Gründe warum du deine Komfortzone regelmäßig verlassen solltest
  • ….

Aus eigener Erfahrung weiß ich natürlich dass da was dran ist. Immer wenn ich in meinen Leben trotz Bammel und starker Gedanken es sicherheitshalber doch lieber sein zu lassen eine Sache – z.B. Vortrag, unangenehmes Telefonat, jemand Unbekanntes ansprechen – durchgezogen habe, bin ich innerlich gewachsen. Jede Überwindung beschert ein verdammt gutes Gefühl. Dabei ist es ein guter Indikator, in sich reinzuhören und ehrlich zu sein. Ich weiß eigentlich immer instinktiv was zu tun ist, wenn mir meine eigenen Dämonen (oder das eigene Mammut von dem Tim Urban spricht) etwas auszureden versuchen.

So weit, so richtig. Aber jeden Tag was tun, was Angst macht? Come on, das ist doch unglaublich anstrengend. Ab und zu muss doch chillen erlaubt sein. Wäre es daher nicht toll, einfach jemand anderem beim Verlassen der Komfortzone zuzuschauen, während man selbst einfach nur entspannt und die Auszeit vor internen Herausforderungen in vollen Zügen genießt? Genau das habe ich die letzten Tage mit Hilfe des Buchs ‚Living with a SEAL – 31 days training with the toughest man on the planet‘ gemacht, welches mich streckenweise so zum Lachen gebracht hat, dass ich in Innenstädten und dem öffentlichen Nahverkehr kurz vor der Beförderung zum öffentlichen Ärgernis stand. Aber das Buch bringt nicht nur zum Lachen, sondern ist gleichzeitig so motivierend, dass ich es gar nicht erwarten konnte, auch selbst wieder die Komfortzone zu verlassen.

Um was geht’s?

US-Unternehmer Jesse Itzler hat schon viel erreicht und lebt ein facettenreiches Leben. Er war Rapper bei MTV, arbeitete als Musikproduzent, hat zwei Unternehmen erfolgreich aufgebaut und mit großem Gewinn verkauft (Marquis Jet an Berkshire Hathaway und Zico Kokoswasser an Coca-Cola) und ist Mitbesitzer des NBA-Teams Atlanta Hawks. In seiner Freizeit läuft er Ultramarathons, sucht immer wieder neue Herausforderungen und lebt mit seiner Frau Sara (ebenfalls eine sehr erfolgreiche Unternehmerin) und seinen Kindern ein komfortables Leben. Als er merkt, dass sein Leben zunehmend im Autopilot-Modus verläuft und sich die Routinen innerhalb seiner Komfortzone mehr und mehr verfestigen, entschließt er sich zu einem radikalen Schritt: er heuert einen hochdekorierten Elitesoldaten an – im Buch nur SEAL genannt – der für 31 Tage bei ihm zu Hause einzieht und während des gesamten Monats alles mit ihm machen kann, was er sich an (qualvollen) Aufgaben ausdenkt. Itzler’s Ziel ist, einerseits körperlich in Top-Form zu kommen aber wichtiger noch: der Vorhersehbarkeit seines Wohlstandslebens zu entkommen.

„If it doesn’t suck, we don’t do it.“

SEAL

Beides gelingt grandios, auch weil sich Itzler niemand besseres hätte aussuchen können für seine innerliche Reise 100 Kilometer hinter seine Komfortzone. Der SEAL, wie sich später rausstellt, ist nämlich niemand geringes als David Goggins, hochdekorierter NAVY-Elitesoldat und einer der weltweit erfolgreichsten Extremausdauersportler, der in seiner Freizeit putzige Rekorde aufstellt wie z.B. für das Guiness Buch 4030 Klimmzüge innerhalb von 17 Stunden zu machen. In den USA wird er mitunter ‚The Fittest (Real) Man in America‘ genannt. Seine persönliche Geschichte ist dabei so extrem wie seine Rekorde – Goggins‘ Autobiographie Can’t Hurt Me ist nicht ohne Grund ein weltweiter Bestseller.

Ich konnte Living with a SEAL nach der ersten Seite kaum noch weglegen. Das Buch macht dermaßen Lust, seinen Arsch hochzukriegen dass man schon während der letzten Seiten, die Laufschuhe anzieht und kaum noch erwarten kann, selbst loszulaufen – weiter, schneller und härter als je zuvor. Die Gegensätzlichkeit von Goggins und Itzler, passend beschrieben als Zusammentreffen von Rambo und dem Prinz von Bel Air sorgt für ein Spannungsverhältnis, welches für viele skurrile Momente und Überraschungen sorgt. Ein Highlight unter sehr vielen ist die Szene wie Goggins wider Willen bei einem wichtigen Geschäftstreffen dabei ist und Itzler na ja: die Show stiehlt.

Trotz aller Unterschiede nähern und freunden sich beide Männer im Verlauf des Buches mehr und mehr an. Der Minimalismus als Lebensprinzip des SEALS wird auch für den wohlhabenden Familienvater und Unternehmer immer attraktiver. Das Leben im Überfluss und Luxus wird eher ein Synonym für Langeweile und Vorhersehbarkeit. Das wahre Abenteuer liegt dort wo sich der SEAL ständig und freiwillig hinbegibt: weit hinter seine Komfortzone.

Im Grunde wissen wir wahrscheinlich alle, dass wir im Alltag nur an der Oberfläche unseres Leistungsvermögen kratzen – nur 40 Prozent unseres Leistungsvermögens anzapfen. Da tut es gut, sich von jemand inspirieren zu lassen, der sich einem gnadenlosen Regime aussetzt, das einem beim Lesen förmlich mitwachse und staunen lässt – auch wenn man meist froh ist, darüber zu lesen statt selbst das ‚Opfer‘ zu sein. Vor der Zielerreichung stehen bei Jesse Itzler Blut, Schweiß und Tränen und bei mir als Leser Faszination, Lachfalten und am Ende vor allem die große Motivation, meine Komfortzone sofort zu verlassen.

P.S.: Lust auf Training bekommen? Mach einfach eines der folgenden vier exemplarischen Workouts aus dem Buch. Auf geht’s: worauf wartest du :)? Feedback bitte in die Kommentare.

Option 1 – 100 Burpees
Durchführung: So schnell wie du kannst
Zeit notieren und versuchen das nächste Mal schneller zu sein

Option 2 – 171 Liegestütz
Durchführung: 1 Liegestütz, 15 Sekunden Pause … 2 Liegestütz, 15 Sekunden Pause …. 17 Liegestütz, 15 Sekunden Pause, 18 Liegestütz, Stopp
Zeit notieren und versuchen beim nächsten Mal schneller zu sein

Option 3 – Nickles & Dimes
Durchführung: 5 Klimmzüge = „Nickle“ & 10 Liegestütz = „Dime“ immer zum Start einer neuen Minute. 10 Minuten insgesamt, 50 Klimmzüge und 100 Liegestütz insgesamt

(Killer-)Option 4 – 6 / 4 / 48
6 Kilometer laufen alle 4 Stunden für insgesamt 48 Stunden. Brutal. Einmal und (nie) wieder.

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