“Max, kommst du mal bitte kurz” – meine Kündigung als Neuanfang

Tim Ferriss stellt in seinem Buch ‘Tribe of Mentors‘ die Frage: “How has a failure or apparent failure, set you up for later success? Do you have a favorite ‘failure’ of yours”?

Die Antwort auf den ersten Teil gebe ich unten, die zweite Teilfrage zu beantworten, ist in meinem Fall sehr einfach: der Tag, an dem meine Angestelltenkarriere unspektakulär mit einer Kündigung Ende 2009 endete, war gleichzeitig der Startschuss zu meinem neuen Leben ohne den es weder die Unternehmen Monaco Sports & KAM on!, die Bücher, die Sportfamilie, die Wissenswelle, meinen Umzug nach Spanien noch tausend andere Erlebnisse in meinem letzten Jahrzehnt gegeben hätte. Doch der Reihe nach.

Mein Leben bis Ende 2009 in der Kurzzusammenfassung:

  • 1979 geboren in München und dort mit zwei älteren Geschwistern behütet aufgewachsen. Nach vielen ausprobierten Sportarten (u.a. Skifahren, Fußball, Feldhockey) die Leidenschaft fürs Tennis entdeckt
  • Kurzfristig gedacht, dass ich mein Geld später als Tennisprofi verdienen werde und langfristig gemerkt dass das nichts wird
  • Danach den braven Weg gegangen mit dem Studium von BWL und Sportökonomie – gewürzt von zwei unglaublich langweiligen (die Zeit tagsüber im Praktikum) und gleichzeitig aufregenden (alles außerhalb des Praktikums) Auslandserfahrungen in Sydney und Madrid
  • Eintritt in die Angestellten-Berufswelt im Sport bzw. Sportmarketing und nach einigen Jahren Erfahrung Wechsel zur IMG

Auf den Spuren von Marc McCormack?

Als ehemaliger Leistungssportler einmal für die International Management Group (IMG) zu arbeiten war für mich die Erfüllung eines Traumes. Auch in der prähistorischen Vor-Internetzeit kannte jeder Tennisspieler das amerikanischen Unternehmen, welches Marc McCormack 1960 gründete. McCormack erkannte frühzeitig die neuen Vermarktungsmöglichkeiten im Sport und nahm zunächst Golfgrößen wie Arnold Palmer, Gary Player und Jack Nicklaus unter Vertrag. Die IMG war cool und mein Panini-Abziehbild der großen, glitzernde Sportwelt zu der ich gehören wollte. Viele der besten Tennis- und Golfspieler der Welt stehen dort unter Vertrag. Dazu kommen die Vermarktungsrechte an prestigeträchtigen Sportevents weltweit, Collegesport sowie Models und Entertainment so weit das Auge reicht.

Mit meiner Anstellung verband ich die Hoffnung, in naher Zukunft Agent eines Top-Sportlers zu werden und in der Business Class angemessen wichtig durch die Sportwelt zu jetten. So weit der Plan. In der Realität fand ich mich zwar erstmal in der Vermarktung eines deutschen Fußballzweitligisten wieder, aber das sollte – zumindest durch meine rosarote, fantasiereiche Brille mittelfristig eben nur ein Sprungbrett sein. Wimbledon wird schließlich auch nicht in einem Tag gewonnen. Außerdem: das ganze Team war fantastisch, jeden Tag wurde viel gelacht und gemeinsame Ziele verfolgt.

Knapp zwei Jahre später wurde zwar teamintern immer noch viel gelacht, allerdings musste die internationale Sportwelt auch weiterhin auf mich verzichten. Statt mit Tennis- oder Golfstars am Rande großer Turniere zu fachsimpeln, versuchte ich abwechselnd lokale, mittelständische Unternehmer von den unschlagbaren (mir selbst aber fragwürdigen) Vorteilen der modernen Bandenwerbung zu überzeugen oder im Business-Bereich des Stadions über Kartoffelsalat und Apfelschorle den – aufgrund dünner Leistungen der Profimannschaft – erhöhten Puls aufgebrachter VIP-Ticketbesitzer in Normalbereiche zurückzubringen. Zwar machte ich das – gemäß Feedback – nicht schlecht, aber statt mich mit einem Driver meinen fantasievollen Zielen zu nähern, spielte ich eben weiterhin Minigolf. Fast noch schlimmer als mein ausbleibender Aufstieg auf der Karriereleiter war allerdings die Stagnation meiner persönlichen Entwicklung und die Gleichförmigkeit der Tage und Wochen. Montag – Freitag: Arbeit und Café, Freitag und Samstag: Weggehen und Gin Tonic, Sonntag: Aspirin und Café. Repeat.

 

“I didn’t see it then, but it turned out that getting fired from Apple was the best thing that could have ever happened to me. The heaviness of being successful was replaced by the lightness of being a beginner again, less sure about everything. It freed me to enter one of the most creative periods of my life.”

Steve Jobs

 

“Max, kommst du mal bitte kurz”

Alles änderte sich schlagartig als ich an einem normalen 08/15-Arbeitstag kurz vor der Mittagspause von meinem Chef in sein Büro gerufen wurde. Statt einer routinemäßigen Absprache zu einem aktuellen Vermarktungsthema erwartete mich eine Überraschung, die mir nur noch bruchstückhaft im Gedächtnis geblieben ist:

“Schlechte Nachricht für dich … Vorgabe aus den USA Stellen in Deutschland zu streichen .. Zufrieden mit deiner Arbeit … war nicht meine Entscheidung … Nichts persönliches -> Last in, First out … ist eben leider so … Ich verbinde dich mal eben telefonisch mit dem Deutschland-Chef … er will auch noch mit dir sprechen … Moment … Hallo Max …. wie gesagt, hat nichts mit deiner Leistung zu tun … mir sind die Hände gebunden …war nicht meine Entscheidung … muss die Vorgabe ‘von oben’ umsetzen .. du bist ab jetzt sofort freigestellt … brauchst selbst heute nicht mehr arbeiten … nur noch eine Unterschrift hier … vielen Dank für dein Verständnis … wir bleiben in Kontakt …”

Ich war schneller wieder aus dem Büro raus als Dieter Baumann im Ziel des 5000 Meter Laufs bei den olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Kurz und schmerzlos. Ich hatte von Hire und Fire gelesen, jetzt wusste ich auch wie es sich anfühlt. Surreal, wenn ich ein einziges Wort wählen müsste. Nach 2 Jahren in meinem vermeintlichen Traumjob und insgesamt 7 Jahren im Sportmarketing war also erstmal Schluss mit Angestelltendasein in der Sportbranche. Schluss also mit geregeltem Gehalt, Sicherheit, Zusammenarbeit mit tollen Kollegen und festen Arbeitszeiten. Schluss aber auch mit immergleichen Abläufen, individueller Stagnation, Kartoffelsalat und … na ja, mittelspannenden Gesprächen über Tausenderkontaktpreise, Platzierung von Aufstellern im Business Club und die Werbewirksamkeit von halbseitigen Anzeigen in der Stadionzeitung.

 

“Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”

Herman Hesse

 

Keine zwei Stunden nach meinem Rausschmiß saß ich bereits – mit einem Espresso bewaffnet – bei meinem verrückt-liebenswerten-italienischen Friseur Franco am malerischen Münchner Roecklplatz. Franco, der mich auch nach 5 Jahren fast immer Alex nannte, redete wie immer mit ausladenden Gesten über Münchner Frauen und italienischen Fußball – im festen Glauben daran, dass diese Themenkombination für meine 20 Minuten ‚Von-Lang-zu-kurz-ohne-Schnick-Schnack‘ die perfekte Kundenunterhaltung sei (was stimmte). An diesem Tag hörte ich ihm allerdings kaum zu – zu beschäftigt war ich damit, nach Gründen für meine unerwartet gutgelaunte Reaktion auf die Kündigung zu suchen.

Denn schon kurz nach Erhalt der Nachricht spürte ich zu meiner eigenen Überraschung (und der meiner Kollegen und Freunde): tiefe Erleichterung und sogar Glück. Eine Kündigung – egal aus welchen Gründen sie zustande kommt – kann ein Schlag in die Eier sein, ein harter Wirkungstreffen für das eigene Selbstvertrauen, welches (zu) oft von der Bewertung anderer Menschen abhängt. In meinem Fall war es ein weiter Befreiungsschlag aus der eigenen Abwehr.

Ich weiß nicht wie du reagieren wirst, solltest du einmal in ähnliche Lage kommen. Vielleicht bist du frustriert, fühlst dich ungerecht behandelt oder sogar betrogen. Vielleicht ist es aber auch – wie bei mir – deine Chance auszubrechen und endlich dein Ding zu machen statt weiter das Leben deines vernünftigen, leicht-ängstlichen Doppelgängers zu führen. Ich hätte damals sicher nicht den Mumm gehabt, selber zu kündigen, bin aber im Nachhinein verdammt dankbar, dass ich so zu meinem Glück gezwungen wurde. Die Kündigung bedeutete für mich:

  • Das Ende eines jahrelangen Selbstbetrugs -> wenn ich ehrlich bin, war ich niemals richtig glücklich im Angestelltendasein
  • Selber Verantwortung übernehmen -> Es ist nicht die Verantwortung meiner Arbeitgeber dafür zu sorgen dass ich zufrieden bin. Das ist mein Job
  • Meine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben -> was ist schöner, als dem eigenen Instinkt folgen zu dürfen
  • Die Möglichkeit zu erkennen, was mir wirklich wichtig ist im Leben -> meine Zeit frei einteilen zu können
  • Selbstständig frei -> Statt Selbst & Ständig als Drohung ist das für mich eher Selbst alle Möglichkeiten nutzen können & Ständig das machen können, was ich will

Mein Fazit: eine Kündigung ist niemals das Ende der Welt und manchmal sogar der Anfang einer neuen, interessanteren Welt.

 

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Bisschen prollig, aber die große Freiheit. Monaco Sports bei der ersten USA-Tour

 

P.S.: Das Bild unten gibt exakt das Verhältnis in meinem Bekanntenkreis wieder. Von meiner vernünftigen Entscheidung, 2008 zur IMG zu gehen (Kommentar oben) zu meiner (in den Augen vieler) unvernünftigen Entscheidung, 2010 nach der Kündigung Monaco Sports zu gründen (Kommentar unten) statt hektisch meinen Lebenslauf und unehrliche Motivationsschreiben in die Firmenwelt zu ballern. Danke an die Wenigen, die daran geglaubt haben. Es hat sich gelohnt  


P.P.S.: Einige Zeit nach meiner Kündigung und als wir schon begonnen hatten, Monaco Sports aufzubauen habe ich – Ironie des Schicksals – meinen alten Job übrigens wieder angeboten bekommen. Meine Antwort: “Nein danke – das ist nicht mehr das Richtige für mich.” (zugegeben: ein bisschen Genugtuung war dabei; menschlich, oder?) 

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