Praktische Gedanken zu Whatsapp

Auf der Wissenswelle geht es um persönliche Entwicklung und lebenslanges Lernen. Tolle Themen, die Aufmerksamkeit verlangen und verdienen. Ich weiß aus eigener Vorher-Nachher-Erfahrung, wie sich volle und halbe Aufmerksamkeit unterscheiden. Whatsapp (und seine unsozialen Appschwestern) war bei mir öfters die Ursache für halbe Aufmerksamkeit. Waren, da ich jetzt ein besseres (oder überhaupt ein) System habe, welches mir Zeit bringt statt kostet. Darum geht dieser Artikel. Vielleicht hilft er dir in deiner Nutzung der App.

Whatsapp ist überall. 1 Milliarde aktive Nutzer pro Tag. 55 (!) Milliarden versendete Nachrichten pro Tag. Das grüne Kommunikationsmonster macht vor keinem Bereich des Lebens halt und macht alles vermeintlich so viel einfacher. Gewollt oder ungewollt sind wir immer up-to-date – entweder in Einzelchats mit Freunden oder Bekannten oder in Gruppenchats à la ‚Steilgehen Freitag‘, ‚Geburtstagsgeschenk Mama‘ oder ‚Orga Klassenfahrt‘. Erhascht man einen Blick auf die Handys anderer Leute sieht man grün statt rot. Empfangen, Antworten, Sprachnachricht, Fotos, Videos, Emoticon-Feuerwerk – alles in Endlosschleife.

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Lange Zeit war Whatsapp in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ein reines Vereinfachungsinstrument – Verabredungen treffen, Up-to-Daten bleiben, Standorte schicken, Urlaubsfotos hin und her – solche Sachen. Verbunden sein aber nicht als Selbstzweck und schon gar nicht auf Kosten echter menschlicher Konversation. Die MIT-Professorin Sherry Turkle trifft hier die Unterscheidung zwischen CONNECTION – oberflächliche und letztlich relativ unpersönliche Aktionen bzw. Interaktionen auf digitaler Ebene (alle Social Media Aktivitäten, Emails, Whatsapp-Nachrichten, SMS, Instand Messages) – und CONVERSATION – analoge, menschlichere, nuancenreichere und vor allem interaktive Unterhaltungen (ein persönliches Treffen, ein Telefonat, Skype, Videocall).

So lange die digitalen Möglichkeiten die echte, analoge Kommunikation ermöglicht (z.B. ein Treffen vereinbaren oder einen Standort koordinieren) und / oder unterstützt, ist alles im harmonischen Einklang mit unserer tiefverankerten Sehnsucht nach Verbundenheit und Kontakt zu anderen Menschen. Schwierig wird es wenn die Connection-Seite Stück für Stück die Überhand gewinnt und aus Bequemlichkeit („keine Zeit für seine / ihre Fragen jetzt“), Unlust zu Konfrontation („ich knall ihm / ihr lieber schnell eine Sprachnachricht mit meiner Sicht der Dinge hin“) oder anderen Motiven zur schnellen, praktischen Whatsapp-Nachricht gegriffen wird. Genau das kann ich momentan in meinen Freundes-und Bekanntenkreis beobachten. Die Zahl der Anrufe nimmt ab, die Zahl der Whatsapp-Nachrichten zur Diskussion von nicht-banalen Themen nimmt immer mehr zu. Auffällig ist, dass man weniger Leute direkt erreicht, via Whatsapp aber meist sofort eine Antwort bekommt. Vielen ist der Anruf zu aufwendig. Die Nachricht kommt ja sicher an und dann hat eben der Empfänger die Verantwortung, sich zu kümmern – asynchrone Kommunikation. Hauptsache weg. Erledigt. Check.

Trotz mulmigen Bauchgefühl und erhöhten Stresslevel durch das permanente Nachrichtenfeuerwerk: Will man kein radikaler Analogfreak sein oder nur mit 3 (Viber) oder 6 (Threema) Freunden in einen konspirativen Geheimbund eintreten, gibt es eigentlich keine Alternative zu Whatsapp, oder?Nein, aber das ist auch die falsche Frage denn viel wichtiger, um nicht zum hypernervösen Zombie zu werden, ist der Umgang, das eigene System mit Whatsapp. Erstaunlich viele Menschen verfahren bei Whatsapp & Co. nach dem Motto ‚Immer an & möglichst schnell reagieren‘. Hat man dann die mittlerweile standardmäßigen 414 „Freunde“ oder mehr im Telefonspeicher von denen 411 mittlerweile Whatsapp haben und die anderen drei Oma, Zahnarzt und Unbekannt sind, sagt man seiner Konzentration und anmeditierten Gelassenheit lieber gleich leise Servus.

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Das kann einen kaltlassen (wie alle Digital Natives) oder stören (wie mich als analogen Traditionalist). Um wieder Herr meiner Zeit zu werden und vor allem zu bleiben, habe ich über die Jahre diese 5 kleinen Regeln und Taktiken für meinen Umgang mit Whatsapp entwickelt:

Hilfsmittel für Konversation
Über allem steht der Gedanke dass Whatsapp für mich immer nur ein Warm-Up- (wann erreiche ich dich?), Update- (schick mir Fotos und Videos aus deinem Leben) und Logistik- Instrument (wo und wann treffen wir uns?) bleibt ist und nicht Ersatz für menschliche Interaktionen wird.

Benachrichtigungen aus
Alle Benachrichtigungen sind zu jeder Zeit ausgestellt. Einzige Ausnahme ist der (Video-)Anruf-Ton. Wem das schwer fällt, hilft vielleicht der Gedanke: wenn etwas wirklich wichtig ist, bekommt man sowieso einen Anruf. Alles andere kann etwas warten.

„It takes discipline not to let social media steal your time“

Alexis Ohanian

Nur 2 Checks pro Tag
Diese Regel hat mir unglaublich viel gebracht. Ich checke und beantworte Whatsapp immer nur noch zweimal am Tag – einmal vormittags ca. 11 Uhr und einmal am frühen Abend gegen 18 Uhr. Hier ist dann das Zeitfenster für 20 Minuten geöffnet, in dem ich Nachrichten gestaffelt schreibe oder beantworte. Diese Frequenz ist für mich die ideale Kombination aus Verbindlichkeit und Entspannung.

Max hat die Gruppe verlassen

Austritt aus (fast) allen Gruppen
In meinem Freundeskreis ist es schon ein Running Gag. Ich trete aus nahezu jeder Gruppe aus, nicht weil ich asozial sein möchte, sondern weil ich mich nur für die Hauptbotschaft interessiere und nicht für die 67 kurzen Antworten mit drolligen Emoticons.

Bei heiklen Themen einen Tag anrufen oder einen Tag warten
In der Vergangenheit habe ich öfters kleinere und größere Streits über Whatsapp ausgetragen (bei mir meist in Form von hin und her gesendeten Sprachnachrichten) was sich wirklich kein einziges Mal bewährt hat. Es ist erstaunlich was passiert wenn man dem sofortigen Drang (unpersönlich) zu antworten nicht nachgibt und einen Tag wartet.

Funktioniert dieses System jeden Tag? Nein, aber viel wichtiger als Perfektion ist für mich das Gefühl, eine Strategie zu haben. Wie gehst du mit Whatsapp um? Welche Taktiken wendest du an? Hinterlass mir einen Kommentar.

P.S.: ich habe auch schon mit einem Whatsapp-Verzicht experimentiert aber für mich festgestellt dass ein bewusster Umgang für mich besser ist als eine radikale Diät.

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