Ein Gespräch über das Spielen – Interview mit Dr. Nando Stöcklin

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Friedrich Schiller

Nando studierte Ethnologie, Mensch-Gesellschaft-Umwelt und Informatik und doktorierte in Pädagogik. Beruflich beschäftigte er sich als Forschungsmitarbeiter mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf das Bildungswesen und als Folge mit Spielen.

Seither versucht er die Vorzüge vom Spiel konsequent in seinem eigenen Leben zu nutzen und die unnötigen Kluften zwischen Spielen, Arbeiten und Lernen zu überwinden. Nando sagt, dass seine Kinder ihm grosse Vorbilder sind und ihm stets den richtigen Weg in seiner Arbeit weisen.

Was antwortest du auf einer Party, wenn du gefragt wirst, was du beruflich machst?

Ich bin Transformationscoach und begleite Eltern von der Leistungsorientierung des industrialisierten Zeitalters zur Spielorientierung der digital geprägten Gesellschaft. Im Wesentlichen geht es bei diesem Transformationsprozess darum, sich nicht mehr an Leistungserwartungen Dritter zu orientieren – wie dies beispielsweise bei klassischer Lohnarbeit, aber auch beim schulischen Lernen der Fall ist – sondern am inneren Kompass.“

Wie intergrierst du ‚Spielen‘ in dein Leben als Vater, Unternehmer, Wissenschaftler und Forscher?

Es gibt verschiedene Ansätze, spielerische Aspekte in Kontexte zu übertragen, die kein Spiel sind. Sie werden unter dem Stichwort Gamification zusammengefasst. Meistens stehen dabei ganz simple Spielelemente wie Punkte, Badges und Ranglisten im Vordergrund. Für mich sind solche Elemente unspannend, weil sie das industrialisierte Leistungsdenken fortführen und am Kern des Spiels vorbeischiessen. Ich orientiere mich nicht am industrialisierten, wettbewerbsorientierten Spiel, sondern am freien Spiel, das wir von Kindern, aber auch von Künstlerinnen und Künstlern kennen.

Beim Spielen im Sinne des freien Spiels packen wir Herausforderungen an, die unserem Innersten entspringen und dies nur aus Freude am Tun ohne weitere Ziele. Studien zeigen, dass wir uns genau bei solchen Tätigkeiten am wohlsten fühlen.

Ich habe vom Spiel insgesamt ein Dutzend Elemente abgeleitet, die wir auf unser Leben übertragen können, so dass dieses sich wie ein Spiel anfühlt. Zum Beispiel rücke ich meine Leidenschaft ins Zentrum. Ich versuche mich nicht an der Meinung Dritter zu orientieren. Oder ich lasse meine Pläne dauernd platzen.

Was können wir uns von unseren Kindern abschauen?

Zweierlei: Spielen und das Geheimnis für Erfüllung. Spielen wird Kindern in die Wiege gelegt. Zwar verändert sich ihr Spiel je nach Entwicklungsstand. Etwas bleibt aber über alle Entwicklungsstufen hinweg: Kinder tun Dinge, die ihrem Innersten entspringen. Das Spiel spiegelt somit ihren Entwicklungsstand aber auch ihre Einzigartigkeit.

Unsere zweihundert Jahre alte Prägung lässt uns denken, dass das Spiel zum Kind gehört und Erwachsene Leistung erbringen sollen. Erwachsene fühlen sich deshalb oft entweder gestresst oder gelangweilt, in der Routine gefangen. Legen wir die Leistungsprägung ab, gelangen wir zurück in unseren kindlichen, verspielten Zustand. Das ist der Weg zu einem erfüllten Leben.

Wir können von unseren Kindern also nichts weniger als das Geheimnis eines erfüllten Lebens abschauen. Dazu brauchen wir sie bloss beim freien – nicht industriell geprägten, wettbewerbsorientierten – Spielen zu beobachten.

Photo by Scott Webb on Unsplash

Warum spielt das ‚Spielen‘ bei der digitalen Transformation eine entscheidendende Rolle?

In der industrialisierten Arbeitswelt standen Routinetätigkeiten im Vordergrund. Um solche repetitiven Aufgaben bewältigen zu können, mussten Menschen diszipliniert, genau und fleissig Anweisungen befolgen können. Solche Aufgaben übernehmen nun Algorithmen. Der Mensch positioniert sich neben Computern und Robotern und führen Tätigkeiten aus, die sich schlecht an Algorithmen delegieren lassen. Das sind Tätigkeiten mit hohen Anforderungen an Kreativität, Problemlösefähigkeit und Sozialkompetenz. Spielen fördert genau die künftig geforderten Kompetenzen.

Spielen ist aber auch bezüglich einem weiteren Aspekt zentral. Die Lohnarbeit der Industrialisierung brachte eine gewisse Sicherheit mit sich. Arbeitnehmende erhielten Ende Monat ihren Lohn für die geleistete Arbeit. Diese Sicherheit geht in der hohen Dynamik des 21. Jahrhunderts immer mehr verloren. Wir müssen lernen, uns mit dem Unvorhersehbaren zu arrangieren. Um den Umgang mit Unsicherheit zu üben, ist wiederum Spielen hervorragend geeignet, weil in jedem Spiel Unvorhersehbares ein fester Bestandteil ist und die angestrebte Spannung ausmacht.

Was sind für dich drei konkrete Chancen die sich aus der digitalen Transformation für uns Menschen ergeben?

Herrliche Frage – zu oft werden nur die Risiken diskutiert.

  1. Die digitale Transformation bietet die Chance, uns von der Arbeit zu befreien. Das klingt für unser leistungsgeprägtes Gehirn unglaubhaft. Doch in anderen Kulturen gibt es nicht einmal ein Begriff für Arbeit. Der Urzustand des Menschen ist Spielen. Das ist der Zustand, indem wir uns wohl fühlen. Die digitale Transformation führt uns wieder dahin zurück. Allerdings müssen wir uns dazu von der Leistungsorientierung befreien und das ist eine grosse Aufgabe.
  2. Für die Kinder bedeutet dies vor allem, dass die digitale Transformation sie vom Büffeln befreit. Wir tun gut daran, uns – und damit unsere Kinder – von Glaubenssätzen wie „Lernen muss weh tun“ zu befreien. Es gibt eine viel effizientere und nachhaltigere Art des Lernens als zu büffeln: Spielen. Beim Spielen meistern Menschen Herausforderungen, die ihrem Innersten entspringen. Diese passen optimal zu ihrem Vorwissen, sind auf die jeweiligen Kompetenzen zugeschnitten und werden von den Spielenden mit hoher Motivation angepackt – der Traum jeder Lehrperson. Voraussetzung ist einzig, dass Erwachsene die Haltung aufgeben, sie müssten für Kinder definieren, was diese zu lernen haben. Auch das ist ein weiter Weg, der aber mit der digitalen Transformation beschritten wird.
  3. Die digitale Transformation entschleunigt. Dies ist eine weitere unglaubhafte Behauptung, denn das Leben fühlt sich heute meistens hektischer an als noch vor dreissig Jahren. Das ist aber nur so, weil wir mit unserer industriellen, leistungsorienterten Prägung der Digitalität begegnen. Mit einem spielorientierten Mindset können wir zu erbringende Leistungen – also das, was beschleunigend wirkt – Algorithmen überlassen. So wird unser Leben entschleunigt.

Welche Bücher und Ressourcen kannst du Menschen empfehlen, die sich stärker mit der Thematik befassen wollen?

Unter ‚So befreit dich die digitale Transformation vom Büffeln & Schuften‚ habe ich meine wichtigsten Erkenntnisse über die Auswirkungen der digitalen Transformation zusammengefasst und mit Literaturtipps angereichert. Weiter habe ich unter ‚Deshalb ist Spielen so wichtig‚ zehn Gründe gelistet, weshalb Spielen in der industrialisierten Zeit zu Unrecht in die Ecke verbannt worden ist. Es finden sich dort auch Überlegungen, was überhaupt ein Spiel ist sowie Leseempfehlungen.

Hier auf der Wissenswelle sind ausserdem vier meiner Lieblingsbücher vorgestellt.“

Wie und wo kommt man mit dir in Kontakt und kann mehr über dich erfahren?

Spieldeinleben.ch ist meine Visitenkarte, meine Passion und mein Spiel.

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