Was ich bislang von den Spaniern gelernt habe

“I would sooner be a foreigner in Spain than in most countries. How easy it is to make friends in Spain!”

George Orwell

Warnung: Dieser Artikel ist subjektiv und setzt hemmungslos Pauschalisierungen als Stilmittel ein. Der Autor möchte in der Folge gezielt Schwarz-Weiß malen, erkennt aber an, dass die Wahrheit wohl eher ein Grauton ist. So sollen schon Spanier gesichtet worden sein, die deutscher als Deutsche sind und Deutsche die spanischer als Spanier sind. Olé.

Vor 2 Jahren bin ich mit meiner Familie nach Spanien gezogen. Gut, für die meisten Deutschen ist meine neue Heimat Mallorca eher halbdeutsches Territorium, aber mir kommen – abseits der Touristenzentren lebend – Insel und Bewohner noch weitestgehend spanisch vor. Schon vor der Zeit auf Mallorca gab es einige Berührungspunkte (4 Monate in Madrid, viele Trips in die Nähe von Valencia und zwei längere Roadtrips durch das Land) mit Spanien.

Auf Basis aller Erfahrungen als Tourist und Ansässiger ist für mich ist der Umgang der Spanier mit den unteren Punkten vorbildlich und zu meinem eigenen Maßstab geworden. Für meine Erkenntnisse hätte ich zwar nicht auswandern müssen, aber es hilft natürlich, täglich Menschen dabei zu beobachten, wie sie etwas fundamental anders (und in meinen Augen besser) machen als wir Deutsche.

Tranquilo“
Es ist kein Zufall, dass ich in den ersten Wochen nach meinem Umzug dieses Wort überdurchschnittlich häufig gehört habe (zusammen mit ’no te preocupes‘ was sich umgangssprachlich mit ‚Chill erstmal‘ übersetzen lässt). Fast nichts des täglichen To Do’s Feuerwerks ist doch in Wahrheit so wichtig oder dringend dass man es nicht auch etwas entspannter angehen könnte. Ohne Stechschritt, Hektik und schlechte Laune. An mir selbst stelle ich fest: meine frühere Schnappatmung beim Wunsch organisatorische oder administrative Dinge möglichst schnell zu erledigen, transformiert sich unter der iberischen Sonne zu einer immer größeren Entspanntheit. Mañana ist auch noch ein Tag.

Körperlichkeit
Jeder Mensch hat seinen ganz individuellen Körperlichkeit-zulassen-Wert auf einer Skala zwischen 1 (Wo hatte ich noch das Sagrotan?) und 10 (Zungenkuss?) in der Frage wie körperlich wir mit den Mitmenschen umgehen, die nicht zu unserem engsten Kreis gehören. Auch für mich war es anfangs ungewohnt, Empfänger von feuchten Küssen einer spanischen Oma zu werden, der ich zwei Minuten vorher auf dem lokalen Obst- und Gemüsemarkt gesagt habe, dass ihr Melocotón der weltweit Beste ist. Aber mittlerweile bin ich der festen Überzeugung dass die Welt ein klein wenig besser wird (schlechter wird sie sicher nicht), wenn wir Nähe nicht nur zulassen sondern bewusst geben statt Distanz dominieren zu lassen. Mein persönlicher Körperlichkeit-zulassen-Wert ist nach 2 Jahren Spanien zumindest von einer muffigen 5 schon auf eine fröhlichere 7 gestiegen.

Pixabay

„There is no night life in Spain. They stay up late but they get up late. That is not night life. That is delaying the day.”

Ernest Hemingway

Umgang mit Kindern
Im emotionalen Umgang mit den eigenen aber vor allem mit den fremden Kindern ist ‚der Spanier‘ für mich ein Star von dem ich mir nahezu alles abschauen möchte. Mit meinem beschränkten bloggerisch kann ich nicht ausdrücken, wie dankbar ich dafür bin, dass meine Kinder in der neuen Heimat …
– … überall willkommen sind
– … Kinder sein dürfen und nicht gedrillte Erwachsene in einem Kinderkörper
– … auch ohne Verwandtschaftsverhältnis geküsst und umarmt werden von vielen neuen Tanten und Onkels
– … nicht mit Skepsis beäugt sondern mit offenen Armen empfangen werden
– … ihr manchmal dreckiges, lautes, schmatzendes und lachendes Selbst sein dürfen

Immaterielle vor materiellen Werten
Eigentlich schlimm, dass man eine solche Binsenweisheit extra auf- und ausschreiben muss, aber erst seit meiner Zeit auf der Insel sehe ich länderspezifischen Unterschiede im Bezug auf den Umgang mit Sachen so schmerzhaft deutlich. In Spanien sind auch wertvolle Sachen primär Gebrauchsgegenstände und nicht Objekte die makellos sind und bleiben müssen. Die Menschen hinter den Gegenständen zählen immer mehr als die Dinge selbst. Diese Priorisierung kann man sich von den Spaniern abschauen.

Die aufgeführten Punkte sind nur eine Auswahl von noch mehr liebens- und nachahmenswerten Eigenheiten, die mir und uns tagtäglich in Spanien begegnen. Auch die deutschen Tugenden sind vielschichtig und reichen weit über die Klassiker Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung und Korrektheit hinaus. Darauf kann man stolz sein ohne gleichzeitig nicht den Blick über den nationalen Tellerrand zu vernachlässigen. Andere Länder haben auch schöne …

P.S.: Ein Hemingway-Zitat ist gut, zwei Hemingway-Zitate sind besser

„The best way to find out if you can trust somebody, is to trust them“

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