Wenn ich groß bin, möchte ich … Stoiker werden. Du auch?

Stoisch. Wenn ich früher dieses Wort hörte, war die erste Assoziation irgendwie immer eine Kuh auf einer Weide die im Nieselregen steht und seelenruhig ihr Gras mampft. Ohne Abwechslung, unaufgeregt, monoton und ein bisschen langweilig.

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Der Gedanke, das Schicksal einfach passiv hinzunehmen, erschien mir wenig attraktiv. Natürlich hatte ich zum damaligen Zeitpunkt kein fundiertes Wissen und bestenfalls eine grobe Ahnung was stoisch überhaupt bedeutet. Die dahinter stehende Philosophie war mir komplett unbekannt, die bekannten Protagonisten auch: Cato der Jüngere – nie gehört, Gaius Musonius Rufus – nie gehört, Epiktet oder Epiktetus – nie gehört, Luciaus Annaeus Seneca – schon mal gehört, aber was war damals eigentlich mit den Vornamen los? Marcus Aurelius – ha, da klingelt endlich so richtig was: römischer Kaiser & Herrscher über ein riesiges Weltreich – stimmt’s? Aber was hat der mit Stoikern zu tun?

Dabei war ich zu Beginn meiner Studentenzeit euphorisch in Philosophie-Vorlesungen gelaufen. Nach ein paar Wochen musste ich aber einsehen, dass ich mich eher in die Idee (Coolheit durch Zigaretten ohne Filter + schwarzer Cafe = tiefer Gedankenaustausch) als in den Weg (muffige Seminarräume + verschwurbelte Sätze ohne Sinn = geringere Frauenquote als in einem englischen Herrenclub) verliebt hatte. Grau war nicht nur die Haar- und Bartfarbe des Dozenten, sondern auch die Theorie – einfach kein Praxisbezug in Sicht. Game Over Philosophie. Vorerst.

„Wie du am Ende deines Lebens wünschest gelebt zu haben, so kannst du jetzt schon leben.“

Marcus Aurelius

Viele Jahre später kam – bedingt durch Bücher (z.B. Ryan Holiday, Richard David Precht), gute Artikel und Websites (z.B. The School of Life, Daily Stoics) wieder Leben in meine philosophische Abstellkammer und im Windschatten auch das Gedankengut der Stoiker ins Bewusstsein.

Doch besonders der Inhalt des nachfolgenden Videos begeisterte mich so nachhaltig, (ich schaue es mir mindestens einmal pro Monat an) dass ich mich richtig mit dieser Denkrichtung auseinandersetzte:

Vergessen war und ist Langeweile, graue Theorie und Realitätsferne – die Inhalte der Stoiker kannst du fantastisch in dein Leben integrieren. Der Praxisbezug ist gegeben, die Inhalte geben Halt und Orientierung – gerade in schwierigen Zeiten. Aus meiner Erfahrung ergeben sich folgende positive Effekte durch die praktische Anwendung dieser Philosophie. Du wirst …

  • … gelassener und ruhiger
  • … glücklicher und dankbarer
  • … unabhängiger und freier

Nicht schlecht für die Anwendung 2000 Jahre alter Gedanken, oder? Was sind denn nun die Botschaften der alten Lehrmeister, die so praxisnah sind? Nachfolgend vier konkrete Ansätze mit denen du experimentieren kannst:

„Habe täglich den Tod vor Augen. Das wird dich vor kleinlichen Gedanken bewahren“

Epiktet

Memento Mori: denke täglich über deine Sterblichkeit nach (oder habe etwas in der Hosentasche dabei, das dich daran erinnert)
Klingt morbide ist aber absolut lebensbejahend. Würdest du dich über einen Sch…. wie die zu lange Schlange im Supermarkt, deinen verpassten Bus oder den blöden Kommentar deines Kollegen über deine neue Frisur wirklich ärgern, wenn du wüsstest, dass du in 2 Stunden ums Leben kommst? Unwahrscheinlich.
Übrigens ist die Denkübung oder Haltung Memento Mori auch sehr gut geeignet, um deine Aufschieberitis in den Griff zu bekommen. Du willst jemand schon lange sagen, dass du mehr als Freundschaft für ihn oder sie fühlst? Sag es jetzt, denn morgen könnte es zu spät sein. Du hasst deinen Job und würdest lieber als Straßenmusiker durch Europa ziehen? Schreibe deine Kündigung jetzt oder soll „Hätte ich doch nur ….“ dein letzter Gedanke sein?

Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. Was in unserer Macht ist, ist seiner Natur gemäß frei, kann nicht verboten oder verhindert werden; was aber nicht in unserer Macht steht, ist knechtisch, kann verwehrt werden, gehört einem anderen zu.

Epiktet

Ziehe eine Trennlinie: was liegt wirklich innerhalb und was außerhalb deiner Kontrolle?
Hier lag mein Denkfehler, als ich früher stoisch mit passiv gleichgesetzt habe. Stoiker sind aktiv (und schieben wichtige Sachen – siehe Memento Mori – eben nicht auf), aber eben nur in den Bereichen, auf die sie wirklich selber Einfluss haben. Die Bereiche, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, können dagegen stoisch gelassen hingenommen werden. Ob du dich täglich davon runterziehen lässt, dass ein Vollidiot wie Trump an der Macht ist oder mit dem deutschen Wetter (in Bezug auf deine schon wieder abgesagte Grillparty) haderst: du wirst nichts daran ändern können. Zu deinem eigenen Seelenwohl kannst nur entscheiden, ob du es ignorierst (z.B. durch eine News-Diät) oder akzeptierst und das Beste aus den Gegebenheiten machst (siehe Amor Fati). Seitdem ich diesen Gedanken wirklich verstanden habe, fühle ich mich jeden Tag 50 Kilo leichter. Ok, 40.

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Praktiziere Worst Cases: integriere bewusst und regelmäßig Unbequemlichkeiten in dein Leben
Du wachst in deiner angenehmen warmen Wohnung auf, streckst die Nase aus dem Fenster und beschließt, lieber eine Schicht mehr anzuziehen, wenn du zur Arbeit gehst. Vorher noch schnell duschen und den Duschkopf lieber in Sicherheitsabstand weghalten – kommt ja immer erst ziemlich brrr raus. Die Miete ist zwar unangenehm hoch aber ist natürlich schon lässig im sanierten Altbau zu wohnen – so zentral und warm ist es mit der neuen Klimaanlage auch. Mit der warmen Winterjacke bewaffnet, läufst du zu deinem geleasten 3er BMW gegenüber und fährst zur Arbeit. Vorher aber noch Zwischenstopp bei Starbucks: Grande Caffè Latte mit einem Schuss Zimt und einen Frischkäsebagel. Na gut – und einen Cookie, denn du gehst ja heute am frühen Abend sowieso noch ins Fitnessstudio. Im Büro fährst du dann den Rechner hoch, schaust rechts oben auf den Bildschirm und bekommst deinen täglichen Schreck – 8:28 Uhr … 18 Uhr, verdamp lang hin nicht her. Puh, aber auf in den Kampf. Hilft ja nichts. Muss ja.

The more you sweat in peace, the less you bleed in war.

Norman Schwarzkopf

Nein, es muss eben nicht. Du magst deinen Job ja nicht mal. Deine Angst ist einfach, dass du dir die ganzen Annehmlichkeiten – Auto, Wohnung, Fitnessstudio, Starbucks – nicht mehr leisten kannst, wenn du Schulz die Kündigung auf seinen Angeber-Schreibtisch haust. Und das stimmt wahrscheinlich sogar. Auf der anderen Seite deiner Komfortzone liegt vielleicht das wahre Glück, aber der Weg dorthin ist eben nicht dein Ziel sondern kalt, doof und unbequem. Die wenigsten Menschen sind für Radikallösungen gemacht, aber wenn du dich – im Sinner der Stoiker – gezielt, freiwillig und regelmäßig Unbequemlichkeiten aussetzt – ja diese regelrecht trainierst – wird dein Mutkonto immer praller. Das Gute ist nämlich: setzt du dich bewusst den Dingen aus, die dir in deinem Kopf Angst machen, verlieren sie ihren Schrecken.
Wenn du Angst vor Verarmung hast, lebe doch für einen bestimmten Zeitraum (z.B. 10 Tage) einfach mal „arm“. Statt Starbucks den billigsten Filterkaffee. Leitungswasser statt Evian. Kalte Dusche. Statt Kino Spaziergang. Jeden Tag das gleiche sattmachende Essen. Statt mit dem 3er mit dem Fahrrad zur Arbeit. In der Regel wirst erstaunt sein, wie schnell du dich an diesen neuen Zustand gewöhnst. Vielleicht gefällt er dir sogar, der unkomplizierte Minimalismus. Weitere praktische Übungsbeispiele findest du in diesem Artikel.

„Wenn man ein Wozu des Lebens hat, erträgt man jedes Wie.“

Friedrich Nietzsche

Amor Fati: Wehre dich nicht gegen das Schicksal – umarme es
Die griechischen Stoiker hätten Friedrich Nietzsche durch seine Handlungsempfehlung Amor Fati (lateinisch für die Liebe zum Schicksal) für einen der Ihren gehalten und ihn wahrscheinlich gleich zu einem guten Krug Wein eingeladen.
Wie anstrengend ist es, permanent einen idealen Zustand zu suchen, der sowieso nicht eintrifft. Wie befriedigend dagegen die Haltung, sich auf jede neue Situation einzulassen – ohne ihr gleich einen wertenden Stempel aufzudrücken. Das ist alles andere als einfach, aber ein erstrebenswertes Ziel.

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Was sind deine Assoziationen zum Wort ’stoisch‘? Welche philosophischen oder Gedanken oder Praktiken wendest du in deinem Leben an? Hinterlasse doch mir einen Kommentar, wenn du magst.

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