Zinseszins … über den finanziellen Tellerrand

Was ist laut Albert Einstein das 8. Weltwunder? Das Bernsteinzimmer …. der WM-Titel 1954 …. die Kombination aus Weißwurscht, Weißbier, Brezn und süßem Senf? Weit gefehlt. Es ist … Trommelwirbel … der Zinseszinseffekt.  Im übertragenden Sinn sagte er: Diejenigen, die ihn verstehen und anwenden, sind auf der monetären Sonnenseite. Die Anderen stehen im Schatten und bezahlen mit ihrem Unwissen unfreiwillig den Reichtum einiger weniger. 

Im Internet wird zwar (tatsächlich) debattiert ob Einstein den Zinseszins als „8. Weltwunder“, „stärkste Kraft des Universums“ oder überhaupt zitierbar und ohne Ironie erwähnt hat. Fakt und viel wichtiger ist jedoch: Der Zinseszins (und der daraus resultierende Schneeball-Effekt) ist sehr mächtig und kann dir – langer Anlageatem, Skepsis gegenüber unseriösen Abkürzungen zur finanziellen Freiheit und stoische Selbstdisziplin vorausgesetzt – viele Monde später ein beindruckendes Vermögen bescheren. 

Ehrlicher Weise habe ich sehr lange gebraucht um dem Zinseszins in meinem eigenen Umgang mit Geld die nötige Beachtung zu schenken. Zu groß waren frühere Verlockungen „mir jetzt etwas zu gönnen von meinem Geld“ und zu abstrakt war der Gedanke, Genuss 20, 30 oder 40 Jahre aufzuschieben („ob es mich da überhaupt noch gibt“). Vielleicht geht es dir ähnlich und du fragst dich: „lohnt sich das jetzt noch“? Die Antwort ist meistens „Ja“, denn neben sich auftürmenden Geldbergen (oder eher norddeutschen Hügeln) ergeben sich andere positive Effekte, wenn du mehr sparst als ausgibst und dein  Geld mittels Anlage Südstaaten-sklavenmäßig 24/7 „für dich arbeiten lässt“. So wirst du immer unabhängiger und näherst dich Stück für Stück dem Wunschzustand vom „Leben und Arbeiten in der arschlochfreien Zone“ wie der Finanzwesir Albert Warnecke sagt. Und als du dann auch noch erkennst, dass dein Glücksniveau eben nicht von der rauchender Kreditkarte abhängig ist, macht sogar der Satz „the best things in life are free“ plötzlich Sinn, der früher für dich und mich nur reine Glückskeksromantik war. 

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Aber auch das ist erst der Anfang, das Beste kommt – aus meiner Sicht – noch. Denn die wahre Magie des Zinseszins liegt darin, ihn und seine grundsätzliche Funktionsweise nicht nur für die Finanzen zu nutzen sondern als adaptierbares Meta-System für viele andere Lebensbereiche anzuwenden: deine Fitness, deine Freundschaften oder auch lebenslanges Lernen. Der Betrag den du konstant wegsparst (und anlegst) ist im übertragenen Sinne nichts anderes als ein kleine positive Handlung, Gewohnheit oder Routine für eine bessere Zukunft. Du „verzichtest“ jetzt und hast es später leichter. 

„Hard Choices, Easy Life. Easy Choices, Hard Life.“
Jerzy Gregorek

So kannst du die eigentliche, staubtrockene Definition, nämlich „Werden Zinsen, die durch eine Kapitalanlage entstanden sind, weiterverzinst, spricht man vom sogenannten Zinseszins“ für deine Zwecke umwandeln in eine nur noch halbtrockene Version:

„Werden positive Effekte die durch gesunde Verhaltensweisen oder Routinen entstanden sind, konsequent angehäuft, spricht man (oder eher ich gerade :)) vom sogenannten privaten Zinseszinseffekt“ 

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Wie wendest du das nun konkret in der Praxis an? Hilfe und praktischen Rat hierzu findest du im fantastischen Buch ‚Atomic Habits‘ von James Clear. Hier geht es um unsere täglichen (Mikro-)Gewohnheiten, die dir helfen (oder nicht helfen) durch dein Leben zu navigieren. Diese kleinen ‚Habits‘ werden deine mittel- und langfristige Lebensqualität entscheidend mitbestimmen. Kurzfristig jedoch – und das ist die Crux – werden sie dir nur wenig sogar überhaupt keine Befriedigung verschaffen. Diese kleinen Gewohnheiten sind – übersetzt auf den Zinseszins – deine tägliche Sparquote oder die Euros die du jetzt eben nicht für irgendeinen SchnickSchnack ausgibst, um die Zinsen ihr Werk verrichten zu lassen.

Eine der Kernaussagen des Buchs ist, sich in den gewünschten Bereichen eben nur auf 1 Prozent Verbesserung pro Tag zu fokussieren. Dieses 1 lumpige Prozent bewirkt dann bereits auf ein einziges Jahr gerechnet eine 37 x fache Verbesserung. Der Fokus – und das ist der entscheidende Punkt – sollte immer auf den Prozess und nicht auf das Ziel gerichtet sein.

„Forget about goals, focus on systems instead“

Auf die Nicht-Finanzbereiche angewendet könnte eine Umsetzung des privaten Zinseszinses dann z.B. folgende Mikrogewohnheiten bedeuten:

  • Gesundheit -> jeweils 10 Kniebeugen nach dem Aufstehen und vor dem ins Bett gehen. Ein kleiner Aufwand für dich, ein großer Effekt für deine Fitness:
    • 7300 Kniebeugen in einem Jahr
    • 36.500 Kniebeugen in 5 Jahren
  • Freundschaften -> 2 nette Gesten (z.B. ein Anruf, eine Postkarte, eine nette Whatsapp die nicht nach dem Motto ‚Schnell, schnell‘ entsteht) pro Woche für 2 unterschiedliche Freunde
    • 104 nette Gesten in einem Jahr
    • 520 nette Gesten in 5 Jahren
  • Persönliche Entwicklung -> 10 neue Spanisch-Vokabeln jeden Tag
    • 3650 neue Spanisch-Vokabeln in einem Jahr (die 3.000 häufigst verwendeten Wörter decken über 90 Prozent des gesprochenen Spanisch ab)
    • 18.250 neue Spanisch-Vokabeln in 5 Jahren (= Profesor Cervantes)

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